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Food waste: Es tut sich etwas

Mit seinem innovativen Konzept hat sich Äss-Bar dem Einsatz gegen food waste verschrieben. Mit Mitgründer Sandro Furnari sprechen wir über die Idee, die hinter Äss-Bar steckt, warum das Konzept von vielen so gut angenommen wird und warum Nachhaltigkeit nun wirklich ernst genommen wird.

Ein im Print-Newsletter „Mein Unternehmen“ (04/2019) publiziertes Interview mit Sandro Furnari, Mitgründe rund Geschäftsführer von Äss-Bar. Das „Mein Unternehmen Abo finden Sie hier.

Sehr geehrter Herr Furnari, in Zeiten von «schneller, höher, weiter» gehen Sie mit Äss-Bar einen komplett anderen Weg. Welches Konzept steckt dahinter?

Die Idee hinter dem Konzept von Äss-Bar ist, eine Initiative gegen Lebensmittelverschwendung mit einem wirtschaftlichen Modell zu verknüpfen. Wir wollten nicht einen weiteren Wohltätigkeitsverein gründen, der sich dem Thema verschreibt, sondern ein Unternehmen daraus machen, in das wir unsere Zeit und Energie einbringen können. Ich und meine drei Mitgründer haben mit Äss-Bar im Herbst 2013 mit dem ersten Laden in Zürich begonnen. Seither sind wir stetig gewachsen und haben mittlerweile Standorte in neun Schweizer Städten und insgesamt 60 Mitarbeiter.

Wer sind Ihre Kunden, und wie wird Ihr Angebot angenommen?

95% unserer Kunden sind Privatkunden, die in unseren Läden einkaufen. Das Tolle ist, dass wir es geschafft haben, die gesamte Breite der Gesellschaft anzusprechen und für unser Konzept zu begeistern. Ausgehend von einem starken studentischen Kundenstamm kauft mittlerweile jedermann und jedefrau bei uns ein. Die Rückmeldungen, die unsere Mitarbeiter in den Geschäften erhalten, sind dabei durchwegs positiv. Ich glaube, das hängt stark damit zusammen, dass wir mit dem Thema Food Waste ein emotionales Thema ansprechen, dem die Kunden durch den Kauf in unseren Läden Ausdruck verleihen wollen. Wir haben z.B. in all unseren Läden Gäste bücher aufliegen, die regelmässig vollgeschrieben
sind. Unsere Kunden kaufen aufgrund des Gedankens, der dahintersteht, weil sie unser Konzept gut finden. Dafür erhalten sie ein Produkt, das okay ist. Das garantieren wir durch die Zusammenarbeit mit hochwertigen Partnerbäckereien, die uns Produkte liefern, die auch am nächsten Tag noch sehr gut sind. Ein nächster Schritt, den wir bewerten, ist die Zusammenarbeitn mit Einzelhandelsketten und Discountern, die mittlerweile auch vielfach eigene Bäckereikonzepte in die Welt gerufen haben. Das würde eine enorme Steigerung unserer Mengen bedeuten. Allerdings bedeutet das eine Veränderung unserer heutigen Positionierung. Wir werden sehen, was passiert.

Der LEH wird von grossen Ketten und Discountern beherrscht, kleine Einzelhändler, vor allem in der Peripherie, haben es zusehends schwer. Sind innovative Ansätze wie Ässbar eine Möglichkeit, gegen die grossen Player im Lebensmitteleinzelhandel zu bestehen?

Da bin ich sehr zurückhaltend. Ich weiss nicht, wie gross die Wirkung einer Idee wie Äss-Bar sein kann. Wir sind ein totaler Nischenplayer. Was wir anbieten, bieten viele andere auch an. Rein von der Grössenordnung sind wir nicht relevant, um von Auswirkungen auf den Lebensmitteleinzelhandel zu sprechen. Was wir schon beitragen können, ist eine Sensibilisierung der Gesellschaft zu den Themen Nachhaltigkeit und Food Waste, und wie man auch im Kleinen mit sinnhaften Modellen wirksam sein kann. Hier spüren wir in jedem Fall, dass wir einen Unterschied machen können und dass auch grosse Ketten und Discounter anfangen umzudenken.

Wie erleben Sie generell die Entwicklung des Lebensmittelhandels zurzeit? Welche Chancen und Risiken bergen aktuelle Megatrends wie Digitalisierung und Globalisierung?

Es gibt eine immer grösser werdende Bewegung von Menschen, die versuchen,wirklich etwas zu verändern. Es gibt verschiedenste Events und Foren, wo Menschen zusammenkommen, diskutieren und nach Lösungen suchen. Noch ist es schwierig, wirklich konkrete Veränderungen zu sehen, aber man merkt, dass die Menschen grossteils nicht mehr bereit sind, viele Zustände in Bezug auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu akzeptieren. Wenn man als Unternehmer etwas in diesem Bereich machen will, ist jetzt die richtige Zeit. Der Zug ist ins Rollen gekommen, und die Menschen sind informiert und motiviert, etwas zu verändern. Nachhaltigkeit wurde und wird als Begriff oft missbraucht, vor allem auch von grossen Konzernen. Deshalb schauen die Menschen heute genauer hin. Nachhaltige Konzepte müssen in Zukunft ganzheitlich nachhaltig sein, da muss auch der umweltfreundliche Fuhrpark dazupassen.

Könnte das Konzept von Ässbar in ähnlicher Form auch in anderen Branchen funktionieren?

Das glaube ich nicht nur, es ist heute bereits vielfach so. E-Bike Vermietungen, «Unverpackt-Läden» usw. sind alles Konzepte, die in diese Richtung gehen. Vor allem die Bekleidungsbranche geht auch stark in diese Richtung. Zahlreiche Shops bieten Kleidung zweiter Hand oder Kleidung aus recycelten Stoffen an. Sogar die grossen Konzerne sind auf den Zug aufgesprungen. Wiederum ein Zeichen, dass sich wirklich etwas bewegt. Und es ist keineswegs so, dass es sich nur mehr um Billigprodukte handelt. Die Kleidung ist meist sehr trendy und teilweise sehr teuer, weil viel Handwerk dahintersteckt. Es wird sich zeigen, wie viele Konzepte wie das unsere langfristig am Markt erfolgreich bestehen können, das wird sich erst zeigen.

Welche Tipps und Anregungen haben Sie aus Ihren Erfahrungen für Unternehmerinnen und Unternehmer, die ähnliche Konzepte planen?

Für uns war es schwierig zu bewerten, ob es einen Markt für unsere Idee gibt. Wir konnten nicht aussagekräftig analysieren, ob es Kunden gibt, die für Bäckereiwaren vom Vortag einen bestimmten Preis bezahlen würden. Da wir uns keine klare Antwort geben konnten, haben wir aktiv entschieden, ein Risiko einzugehen. Dafür haben wir uns von vornherein einen fixen Betrag an Risikokapital definiert, den wir bereit waren zu verlieren, für den Fall, dass wir scheitern. Mit diesem klaren Spielraum war es für uns einfacher, zielgerichtet zu starten. Deshalb würde ich jedem empfehlen, sich die Risiken seiner Investition klarzumachen und vorab zu definieren, wo die Risikogrenze erreicht ist. Was in unserem Fall auch noch einen sehr positiven Effekt hatte, war die Berufserfahrung, die wir vier Quereinsteiger bereits vorher in Führungspositionen machen konnten und wo wir unter anderem gelernt hatten, wie man Projekte erfolgreich umsetzt.

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