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Warum die Vernetzung von Philosophie und Wirtschaft verstärkt werden sollte

Wir leben in dynamischen Zeiten der Veränderung. Der Mensch soll wieder mehr in den Mittelpunkt rücken. Das bedeutet für Unternehmen und Führungskräfte neue Ansätze in der Unternehmenskultur und Führungsarbeit. Mit Dr. Klaus-Jürgen Grün sprechen wir im Interview unter anderem darüber, welche Hilfestellung philosophische Denkansätze und Instrumente dabei bieten können und warum die Vernetzung von Philosophie und Wirtschaft verstärkt werden sollte.

Auszug aus einem im Print-Newsletter „Mein Unternehmen“ (8/2019) publizierten Interview mit Dr. Klaus-Jürgen Grün über die Verbindung von Philosophie und Wirtschaft. Das „Mein Unternehmen Abo finden Sie hier.

Sehr geehrter Herr Grün, woher kommt die Renaissance der Verbindung von Philosophie und Wirtschaft?

Aus meiner Sicht gab es eigentlich noch nie eine wirkliche Verbindung von Philosophie und Wirtschaft, es sind viel eher gegenseitige Ressentiments, die sich zurzeit langsam abbauen. Für viele Denker, wie Karl Kraus, war eine Verbindung von Philosophie und Wirtschaft in Form einer Wirtschaftsethik immer schon ein Widerspruch. Als ihm ein Student erklärte, er wolle Wirtschaftsethik studieren, riet Karl Kraus: „Sie müssen sich schon entscheiden, entweder Wirtschaft oder Ethik.“

Dabei gibt es viele Bereiche in der Wirtschaft, wo philosophische Methoden überaus nützlich wären. Das Anwenden von Logik, verschiedene Methoden des Denkens, Spieltheorie, Selbsterkenntnis, Sinngebung oder Selbstfindung – das sind nur einige Beispiele von philosophischen Instrumenten, die im ökonomischen Kontext sehr wirksam sein können. Allerdings benötigen Ökonomie und Philosophie ein neues Rationalitätsverständnis, weg von ihrer Standardrationalität. Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sich in der westlichen Philosophie eine scheinbare Alternative zum ökonomischen Denken nach dem Prinzip der Zweckrationalität. Zweckrationalität ist unproblematisch, sie erklärt ein Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen.  Rationalität – so meinte man – sei nicht immer nur zweckgebunden oder strategisch, sondern könne auch kommunikativ sein. Jürgen Habermas hat dies eindrucksvoll aufgezeigt. Er meinte, dass Sprache wesentlich auf Verständigung ziele. Aber Sprache führt nur zufällig zu einer Verständigung, denn der Empfänger legt die Bedeutung der Worte fest, nicht der Sender. Die kann unerwartet anders ausfallen als der Sender dies intendierte. Wir können also Dinge nicht kontrollieren, wie wir es früher noch geglaubt haben. Auch in der Wirtschaft sehen wir, dass Kontrolle nicht wie erwartet funktioniert. Systeme und Strukturen verändern sich, sie entfalten eine Eigendynamik, was dazu führt, dass wir immer weniger Vorhersagen treffen können und auch Führung zunehmend dezentraler wird. Diese Entwicklungen in der Wirtschaft beeinflussen auch die Haltung der Philosophen in Bezug auf ihr Rationalitätsverständnis. Die rasante Veränderung und die neuen technologischen Kommunikationsmöglichkeiten fordern ein neues, moderneres Kommunikationsverständnis. Von überall in der Welt kann ein einzelner Post auf Twitter inzwischen eine wirtschaftliche oder politische Krise auslösen. Wer meint, dies mit alten Kontrollmaßnahmen verhindern zu können, wird wahrscheinlich scheitern. Die wird auch einen entsprechenden Wandel im Rationalitätsverständnis der Philosophie herbeiführen. Dazu kommen neue ethische und Menschenrechtsfragen.  Roboter, Maschinen und selbstfahrende Autos können nach den Methoden einer Gesinnungsethik leicht programmiert werden… Dem alten gesinnungsethischen Imperativ: „Man darf Menschen nicht verrechnen“, wird – entsprechend programmiert – ein selbstfahrendes Auto ausnahmslos entsprechen können. Die wird die Frage der Ethik von ihrer bisherigen Vorliebe für Gesinnungsethik ablenken und die bislang marginalisierten Lehren einer Verantwortungsethik in den Vordergrund schieben.

Welchen Beitrag können philosophische Ansätze bzw. das Fach der traditionellen Philosophie für die Wirtschaft leisten? Wo sehen Sie dir größte Wirkung?

Gemäß der Lehre des kybernetischen Denkens aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es keine wirkliche Objektivität, denn jeder einzelne von uns ist ein Konstrukteur seiner Vorstellungen, mit denen er dann arbeitet. Das metaphysische Denken, dem manche Dialektiker noch anhingen, ging im Gegensatz dazu von der der Objektivität realer Tatsachen aus. So sagten Aristoteles und später Descartes, dass unser Denken die Anlehnung an reale Sachverhalte sei. Dies sind allerdings veraltete Theorien. Die interessanteren, modernen Ansätze, vertreten durch Denker wie auch Karl Popper, besagen, dass wir alle Beobachter im gleichen System sind und niemals einen beobachterunabhängigen Standpunkt einnehmen können. Das wird in den kybernetischen Systemen noch weiter ausgearbeitet, mit der Erkenntnis, dass wir in einem nicht trivialen System leben, das heisst, ein System, das lebendig ist und nach eigenen Regeln funktioniert. Jeder Mensch ist darin ein Beobachter, der andere beobachtet. Jeder Beobachter hat eine eigene Sicht auf die Welt. Es gibt keine Objektivität oder wie Schopenhauer sagt: Die Welt ist meine Vorstellung. Was bedeutet das für uns und die Wirtschaft? Es bedeutet Toleranz gegenüber anderen Sichtweisen zu entwickeln. Für die Wirtschaft bedeutet es zu lernen, von der Beobachter- Position aus zu denken, nicht als Kontrolleur. Ein kybernetisches System ist nicht kontrollierbar, weil es sich nicht nach den vom Kontrolleur festgelegten Regeln richtet. Schauen wir uns als Beispiel die Mitarbeiter von heute an. Mitarbeiter möchten heute mitgestalten, Fließbandarbeit war gestern. Klassische Hierarchiemodelle verlieren an Akzeptanz und Wirksamkeit, es geht viel mehr um individuelle Zielvorgaben, die der Mitarbeiter selbst an wechselnde Erfordernisse anpassen kann. Machtverhältnisse werden dezentralisiert. Die Aufgabe des Managements ist heute, viable Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb welcher sich die Mitarbeiter selbst organisieren können. Die besten Mitarbeiter gehen zu Unternehmen, bei denen sie an einem Selbstorganisationsprozess beteiligt sein können, der sie daran erinnert, dass sie Teil von lebenden Strukturen sind. Behandeln Sie Ihre Mitarbeiter entsprechend wie mündige Partner und sehen Sie sie nicht rein als Ausführungsorgan an.

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Erleben Sie wieder mehr ethisches und moralisches Handeln in der Wirtschaft, vor allem in Bezug auf den Umgang mit Ressourcen?

Das Schlimme, das ich seit Jahrzehnten erlebe, ist, dass das Wort Ethik einen ethischen Beigeschmack erhält. Wir suggerieren damit eine nicht mehr zur Diskussion gestellte Voraussetzung, sprich Ethik ist im Kopf der Menschen immer gut. Wir haben in den letzten Jahren eine Art der Gesinnungsethik gepflegt, die sich so nicht mehr verkaufen lassen wird. Damit meine ich, dass wir laut dieser Ethik jegliche Verantwortung delegieren können, z.B. können Manager für ihre Handlungen auf die Firmenrichtlinien verweisen. Dann brauchen sie ihr Verhalten nicht mehr selbst verantworten. Aktuelle Bewegungen wie «Fridays for future» setzen einen wichtigen Impuls gegen diese Entwicklung. Ich halte diese Bewegungen an sich zwar für irrational, aber es kommt meiner Meinung auch nicht auf die Inhalte an. Der Impuls von jungen Menschen, die sich nicht vorschreiben lassen, was der einzig richtige Weg ist, ist wichtig. Ethik muss meiner Meinung nach eine Verantwortungsethik sein. Jeder muss die Verantwortung für seine Handlungen übernehmen. Unternehmen müssen ihre Manager befähigen, Verantwortung übernehmen zu können. Deshalb muss die Ethik auch wieder streitbar werden. Wenn wir heute fragen «Ist dies noch ethisch vertretbar?», ist die Antwort automatisch «Nein». Es ist praktisch schon von Vorneherein entschieden. Wir können allerdings nur Verantwortung übernehmen, wenn noch nicht vorab entschieden ist, was die ethisch einzig richtige Entscheidung ist. Entscheiden kann der Einzelne nur dann, wenn er mehrere Optionen hat und die Entscheidung nicht bereits vom System vorgegeben wird. Damit wären wir auch wieder bei der Kybernetik und der Idee, dass es keine wirkliche Objektivität gibt. Das Beobachter- Prinzip sagt, dass ich in meiner Rolle des Beobachters eine Veränderung des Systems bewirken kann, dessen Teil ich bin. Und wenn der Einzelne eine Veränderung bewirken kann, die ihn selbst als Teil des Systems betrifft, kann auch eine Ethik der Verantwortung entstehen.

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Interviewpartner: Dr. Klaus-Jürgen Grün ist freischaffender Wissenschaftler und außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Er hat neben Philosophie, Geschichte und Mathematik sowie Geschichte der Naturwissenschaften studiert. 2001 gründete er das Philosophische Kolleg für Füh­rungskräfte (www.philkoll.de), das die Anwendung philosophischer Methoden und Pro­gramme in der Wirtschaft praktiziert. Im Sommer 2003 wurde er Vizepräsident des Ethikverbands der deutschen Wirtschaft e.V. Er ist Mitglied verschiedener Forschungs­ein­rich­tungen.

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