Weissman

Man braucht eine dicke Haut

Eva Ogriseg spricht über kulturelle Gegensätze und die Männerdomäne Startups. Sie war erfolgreiche Managerin bei KPMG in Dubai und der National Bank of Abu Dhabi und ist heute CEO des tyrolean business angel network (tba network). Im Interview erklärt Sie ihre beruflichen Erfahrungen als Frau im mittleren Osten und spricht über Frauen in der Startup- und Investoren- Welt.

Auszug aus einem im Print-Newsletter „Mein Unternehmen“ (9/2019) publizierten  Gespräch Eva Ogriseg, CEO des tyrolean business angel network. Das „Mein Unternehmen Abo finden Sie hier.

Sehr geehrte Frau Ogriseg, Sie haben viele Jahre erfolgreich im Finanz- und Banksektor gearbeitet, davon 8 Jahre in Dubai und Abu Dhabi. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gesammelt, vor allem während Ihrer Zeit im Middle-Management der National Bank of Abu Dhabi?

Ich bin in der Zeit der Dubai- Krise 2010 mit einem KPMG- Team nach Dubai gegangen, um an der Restrukturierung der damals hoch verschuldeten Dubai Holding vor Ort mitzuarbeiten. Durch die Mitarbeit in weiteren verschiedenen Projekten, konnte ich mir ein Netzwerk im Bankensektor aufbauen und so kam ich schließlich 2012 zur National Bank of Abu Dhabi, für die ich bis 2017 in verschiedenen Aufgabenbereichen und Positionen tätig war.

Für mich waren es sehr lehrreiche und wertvolle Jahre. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind Melting Pots, man trifft auf viele verschiedene Kulturen und Weltanschauungen. Grundsätzlich kann ich aber sagen, dass die Kultur in Dubai und Abu Dhabi relativ „westlich“ orientiert ist. Es gibt auch einen recht hohen Anteil an berufstätigen Frauen. Meine Kolleginnen waren z.B. aus Indien, Südkorea, England, Kanada, Syrien oder dem Libanon. Trotzdem gibt es natürlich viele Fettnäpfchen, in die man treten kann, z.B. kleidungstechnisch oder auch beim Begrüßungsritual, denn es kann immer wieder passieren, dass man auf einen etwas konservativer eingestellten Geschäftspartner oder Kunden trifft.

Trotz des westlichen Einflusses, muss man als Frau stets um den Respekt der männlichen Kollegen und Kunden kämpfen. Dabei muss ich sagen, dass man es als Frau aus einem westlichen Land noch einfacher hat, als z.B. arabische oder indische Frauen, die berufstätig sind. Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass man als westliche Frau von Haus aus schon selbstbewusster auftritt, weil wir von Kindesbeinen an gewisse Grundeinstellungen mitbekommen, wohingegen die Erziehung in anderen Kulturen noch sehr geschlechterspezifisch ausgerichtet ist.

Wo liegen die größten Unterschiede für Frauen in der Wirtschaft zwischen Europa und Abu Dhabi bzw. dem arabischen Raum?

Unabhängig ob Frau oder Mann, das Arbeitsklima ist grundsätzlich sehr unterschiedlich. Einfach ausgedrückt, in Europa arbeitet man teamorientierter, man geht kameradschaftlicher miteinander um und es ist auch in Drucksituationen noch oft Zeit zum Lachen. In Dubai und Abu Dhabi geht es am Arbeitsplatz hierarchisch und relativ humorlos zu. Es herrscht eigentlich nie eine gelöste Stimmung, weil oft Angstszenarien das Arbeitsklima bestimmen.

Was Beförderungen und Aufstiegschancen angeht, hat man es als Frau in den Emiraten in jedem Fall schwerer, ab einem gewissen Management- Level ist es sogar quasi unmöglich. Das habe ich auch selbst miterlebt. Hier sind wir in Europa definitiv schon viel weiter, auch wenn es noch viel zu tun gibt.

Was ich in den Emiraten hingegen als sehr positiv erlebt habe, ist die Möglichkeit als berufstätige Frau und Mutter Hilfe in Anspruch zu nehmen, zu relativ überschaubaren Kosten. So war es mir z.B. möglich, eine Vollzeit- Nanny zu beschäftigen, die sich um meine beiden Kinder und den Haushalt kümmerte. Sie wurde zu einem fünften Familienmitglied und war für unsere Familie eine enorme Unterstützung.

Wie schaffen Sie es Familie und Beruf erfolgreich zu kombinieren? Was können Unternehmen in diesem Bereich noch tun? Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich während Ihrer Zeit in Abu Dhabi gemacht?

Hier bei uns ist es nach wie vor sehr schwierig, Beruf und Familie zu kombinieren, wenn beide Elternteile berufstätig sind. Vor allem in peripheren Gebieten. In Abu Dhabi war ich in dieser Hinsicht viel flexibler.

Ich habe den Eindruck, das Thema wird zwar viel diskutiert, aber wirklich viel Konkretes passiert nicht. Weder von Seiten der öffentlichen Verwaltung, noch von Seiten der Unternehmen. Vor allem in den großen Betrieben sollte den Müttern und Vätern mehr Flexibilität durch verschiedene Angebote, wie z.B. Unternehmenskitas, ermöglicht werden. Mir kommt es beinahe so vor wie das famose „Henne- Ei- Problem“. Ich kenne viele Frauen, die sagen, ihnen hilft niemand bei der Kinderbetreuung, also lassen sie das Arbeiten. Auf der anderen Seite besteht kein Markt für Kinderbetreuung, weil die meisten Mütter eben zuhause bleiben. Einerseits fehlt also definitiv ein entsprechendes Angebot für berufstätige Mütter, andererseits muss man aber auch sagen, dass unsere Gesellschaft noch sehr traditionell eingestellt ist, was Familie und Kindererziehung betrifft und für viele die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gar nicht zur Diskussion steht.

Seit Januar 2019 sind Sie CEO des tba network. Welche Rolle spielen Frauen heute in der Welt der Startups?

Die Welt der Startups und das Investoren- Business generell ist definitiv eine Männerdomäne. Ich treffe laufend sehr viele Gründer, Frauen sind nur sehr wenige dabei. Vielleicht liegt es daran, dass Männer grundsätzlich risikofreudiger sind. Viele Investoren, mit denen ich zu tun habe, waren selbst Gründer und sprechen, gewollt oder ungewollt, junge männliche Gründer an. Ein klassisches Gründerteam besteht aus Technik, Vertrieb und Management. Nur selten sind in Teams, die ich kennenlerne, Frauen dabei. Das ist eigentlich sehr schade, weil ich glaube, dass Frauen sehr wertvolle Inputs liefern können. Frauen sollten also einerseits den Mut haben, selbst zu gründen, andererseits sollten Startup- Gründer gezielter Frauen einbauen, um bereits in der ersten Phase andere Blickwinkel mit ins Unternehmen zu holen.

Es gibt bereits verschiedene Initiativen, welche die Präsenz von Frauen in der Startup- Welt fördern möchten, wie z.B. das Female Future Festival in Österreich. Auch in Berlin gibt es einen von Investorinnen gegründeten Fonds, der nur in Startups von weiblichen Gründerinnen investiert. Aus Investorensicht ist diese Abgrenzung meines Erachtens der falsche Zugang, aber für die Frauen in der Gründerszene ist es ein wichtiges Zeichen.

Wir müssen in der Diskussion hier auch etwas aufpassen. Ich finde es grundsätzlich nicht gut, wenn mir gesagt wird, du bekommst etwas, nur weil du eine Frau bist. Die Kompetenz, die Ausbildung und die Persönlichkeit müssen immer das wichtigste Kriterium sein, um sich für eine bestimmte Position zu qualifizieren oder um einen Investor für sich zu gewinnen. Ich bin aber auch nicht grundsätzlich gegen eine Frauenquote. Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen in der Wirtschaft. Es ist ja erwiesen, dass heterogene Teams langfristig erfolgreicher sind. Wenn es also für eine Stelle zwei gleich qualifizierte Bewerber gibt, finde ich eine Frauenquote ok, die in diesem Fall der Frau den Zuschlag garantiert.

Welche Tipps und Empfehlungen können Sie aus Ihren Erfahrungen an Frauen weitergeben, die Führungspositionen anstreben?

Ein wichtiger Faktor für mich war und ist ein gutes Netzwerk. Ich kann deshalb nur raten, traut euch, nach Hilfe zu fragen, knüpft Beziehungen zu Menschen, die euch wertvolle Tipps geben und Türen öffnen können. Und ganz wichtig: nutzt dieses Netzwerk. Ich weiß es heute sehr zu schätzen, was einige Mentoren und Mentorinnen für mich in meiner Karriere getan haben. Das möchte ich jetzt auch für die nächste Generation von Frauen anbieten.

Sammelt Auslandserfahrung und erlebt andere Kulturen und Weltanschauungen. Dies bringt einen in seiner persönlichen Entwicklung stark weiter und gilt sicherlich nicht nur für Frauen.

Das Thema Familie und Beruf ist stark abhängig von der persönlichen Einstellung. Als berufstätige Mutter kämpft man andauernd mit diesem Zwiespalt und muss sich hinter vorgehaltener Hand sicher auch das eine oder andere anhören. Deshalb glaube ich, man muss sich eine dicke Haut aneignen und sich nicht vom eigenen Weg abbringen lassen. Hört nicht darauf was andere sagen, sei es im privaten als auch im Unternehmensumfeld. Ein gewisses Organisationstalent schadet in diesem Zusammenhang sicherlich auch nicht.

Was die Startup- Welt und Gründerszene anbelangt, so möchte ich junge Frauen ermutigen, sich zu trauen. Junge Talente zu fördern braucht allerdings auch schon den richtigen Nährboden in der schulischen Ausbildung. Wir müssen unsere Kinder schon viel früher auf die Unternehmenswelt vorbereiten. Die Kinder sollen in den Schulen Projekte machen können, die den Unternehmergeist fördern. In der Regel ist es ja paradoxerweise so, dass die Mädchen besser in der Schule sind, die Männer aber dann erfolgreicher in der Berufswelt. Die Schule kann hier viel beitragen, junge Mädchen zu ermutigen und zu fördern.

Interviewpartnerin: Eva Ogriseg war erfolgreiche Managerin bei KPMG in München und Dubai und der National Bank of Abu Dhabi. Heute ist die zweifache Mutter CEO des tyrolean business angel network (tba network) und lebt mit ihrer Familie in Brixen (Südtirol).

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